Wozu dient Schmuck?

- Eine Kolumne aus dem Goldschmiede-Atelier


Woran denken Sie, wenn Sie das Wort „Schmuck“ hören? Oder wenn Sie ein Inserat sehen, auf dem Diamanten glitzern und Perlen schimmern?

An Luxus? An edle Marken-Namen? Oder an die bevorstehende Weihnachtsfeier und daran, dass Sie Ihrer Frau doch mal das kostbare Glitzerding aus dem Schaufenster an der Bahnhofstrasse versprochen hatten...?

Und dann taucht manchmal vielleicht auch der Gedanke auf, worin denn eigentlich der Sinn dieser Luxus-Güter und teuren Marken-Statements liegt... Und ja, da muss ich Ihnen recht geben: Ganz nüchtern betrachtet macht der Kauf von Schmuckstücken wenig Sinn. Und doch ist „sich Schmücken“ eines der Grundbedürfnisse der Menschen. Zu den ältesten Funden aus Ausgrabungen gehören neben Alltagsgegenständen und Werkzeugen immer auch Objekte wie Muschelstücke, spezielle Steine, Knochen, Zähne oder Tierkrallen die nur der eigenen Dekoration dienten. Schmuck hat im Laufe der Geschichte der Menschheit eine erstaunliche Entwicklung durchlebt. Schmuck war Talisman und Beschützer, Zeichen und Symbol, gab Auskunft über Rang und Stand in der Gesellschaft und war zu gewissen Zeiten nur den Adeligen und Königen vorbehalten. Schmuck war eine Sprache. Ein Ausdruck dafür, mit wem man es zu tun hatte. Schmuck musste nicht in erster Linie dem Träger gefallen, er musste den Träger in seinem Amt und seinem Auftreten unterstützen.

Heutzutage hat sich der Stellenwert von Schmuck in unseren Kulturkreisen stark verändert. Wir sind aufgeklärt und müssen uns nicht mehr mit starken Symbolen vor bösen Geistern schützen. Auch steht es heute jedem frei, sich zu kaufen was immer er will. Er muss dafür keinen speziellen Adels-Status haben oder ein hohes Amt bekleiden. Einzige Einschränkung sind seine eigenen finanziellen Möglichkeiten. Natürlich hat Schmuck seinen Stellenwert als Statussymbol nicht verloren. Luxus wird auch heute noch hoch geschätzt. Aber Schmuck muss heute auch andere Bedürfnisse zufrieden stellen: Schmuck muss dem Träger gefallen! Schmuck soll bequem und alltagstauglich sein. Mit Schmuck soll man abwechseln und „spielen“ können. Heute gilt mehr denn je der Grundsatz "le lux, c'est moi". Und mit Schmuck soll dies vor allem unterstützt werden, aber nicht mehr umgekehrt.


Eine kleine Reise hinter die Kulissen


Aber für mich als Goldschmiedin hat Schmuck noch ganz andere Facetten. Gerne nehme ich Sie mit auf eine kleine Reise hinter die Kulissen. In die Welt, wie ein Schmuckstück entsteht, wie viel Leidenschaft und Handwerk hinter der Entstehung eines Schmuckstücks steckt. Wie viel Know-How im Umgang mit Werkzeugen und Materialien nötig ist, um ein einzigartiges Unikat entstehen lassen zu können.


Als ich 1999 in Winterthur mit der Lehre zur Goldschmiedin begann, fing für mich ein neue Leben an. Ich spürte schnell, wie unglaublich viel Freude mir das Arbeiten mit Metallen, Werkzeugen und Maschinen bereitete. Ich sog alles, was ich in dem Beruf lernen konnte wie ein Schwamm auf und konnte von Themen wie der Edelsteinkunde (Gemmologie) fast nicht genug bekommen. 2003 gewann ich mit einem extravaganten Armreif einen angesehenen Lehrlingswettbewerb und konnte meine Ausbildung als Klassenbeste abschliessen. Mein handwerkliches Know-How verfeinerte ich anschließend in den renommierten Juwelierfachgeschäften Péclard in Zürich und der Firma Lohri in Zug. Bei meinen beruflichen Stationen erlernte ich weit mehr als die üblichen Standardtechniken eines Goldschmiedes. Ich lernte was es bedeutet, mehr als nur Schmuck herzustellen. Sich selber immer wieder aufs Neue zu Höchstleistungen anzuspornen. Details im Hundertstel-Millimeter Bereich auszuarbeiten, auch wenn dies der Kunde auf den ersten Blick gar nicht sieht. Sondern nur um der Präzision und der Liebe zur Perfektion selbst Willen. Ein so hochwertig verarbeitetes Schmuckstück strahlt eine ganz besondere Aura aus. Man sieht es nicht auf den ersten Blick, aber man kann den Unterschied spüren. Zum Handwerk auf höchstem Niveau kommt noch die Auswahl bester Materialien dazu. Auch hier fasziniert mich nicht in erster Linie der Luxus und die glamuröse Ausstrahlung, die diesen Materialien beigemessen wird. Vielmehr erhielten Edelsteine, Perlen und Diamanten für mich eine immer grössere Faszination, je mehr ich über diese Kostbarkeiten lernen durfte. Wussten Sie zum Beispiel, dass es Diamanten gibt, die mehr als 4 Mia. Jahre alt sind? Dass es (natürliche!) Steine gibt, die je nach Wellenlänge des Lichtes eine andere Farbe haben können? Wussten Sie, dass es naturfarbene, intensiv goldene Perlen gibt? Konnten Sie schon einmal in der faszinierenden Welt von Edelstein-Einschlüssen versinken, die einem interessante Aufschlüsse über die Entstehung unserer Erde liefern können? In einem abgedunkelten Raum und nur mit Hilfe eines Mikroskopes und verschiedenen Belichtungsmöglichkeiten fühlt man sich bei der Betrachtung von Edelstein-Einschlüssen buchstäblich in eine andere Welt versetzt! Plötzlich entsteht aus einem Einschluss, der den Stein bei normaler Betrachtung trübt und seine Qualität mindert, eine ganze Welt von bizarren Strukturen, eingeschlossenen fremden Mineralien, ausgeheilten Spannungs-Rissen oder 3-Phasen-Einschlüssen, anhand denen man die Entstehung des Edelsteines ableiten kann.


2012 – Raus aus der Komfortzone und rein ins Unternehmertum!


Im August 2012 entschied ich mich zur Selbstständigkeit. Getrieben von einer persönlichen Faszination für die Perfektion und die Kunst hinter dem Handwerk, begann ich meinen eigenen Stil dank der Vereinigung von traditionelle Methoden mit neuesten High-Tech Möglichkeiten zu entwickeln. Schnell lernte ich aber die wichtige Lektion, dass ich nicht den ganzen Tag meine Ideen in exklusive Preziosen umwandeln konnte. Dies hätte mich in meiner Anfangs-Phase in kürzester Zeit finanziell ruinieren. Die Liebe zu den Materialien und zu dem Handwerk stellt einen Goldschmieden immer wieder auf eine harte Probe: Jeden Tag dürfen wir mit den schönsten Materialien, welche die Erde zu bieten hat, arbeiten. Händler bringen ihre Koffer voller toller Edelsteine und Perlen, die Schmuckmessen verführen die Augen bis sie einem brennen und die Ideen, wie man welchen Stein wohl am besten in ein Schmuckstück umsetzen und ins beste Licht rücken könnte, sprudeln nur so vor sich hin. Aber hätte ich mich anfangs all diesen Ideen und Versuchungen hingeben, wäre das innert kürzester Zeit mein Ruin gewesen. Als selbstständiger Goldschmied muss man mit einem scharfen Gespür für den Markt und einer guten Budget-Planung sehr strukturiert vorgehen und darf sich nicht einfach aus Freude an der Kreativität selber verwirklichen. So bin ich dank der Unterstützeng durch meinen Lebenspartner, der selber auch Unternehmer ist, in diesen ersten Jahren meiner Selbstständigkeit Jahren mehr und mehr auch zur „Business-Women“ geworden und habe dabei mein unternehmerisches Flair entdeckt.


2017 – Raus aus Örlikon, rein in die Zürcher Innenstadt!


Nach 5 sehr spannenden und lehrreichen Jahren der Selbstständigkeit mit eigenem Goldschmiede-Atelier in Zürich Örlikon, war für mich im Sommer 2017 die Zeit gekommen, einen nächsten Schritt zu wagen. Ich spürte, dass die Zeit reif war, mich einer neuen Herausforderung zu stellen. So übernahm ich im Sommer 2017 die Messerer Juwelier AG von Beat Messerer. Hier am Münsterhof, mitten im Herzen von Zürich, darf ich zusammen mit meinem Team auf luxuriösen 100m2 Goldschmiede-Atelier mein wunderschönes Handwerk auf höchsten Nivea ausleben. 


Die Liebe zum Handwerk und der Kunst, die in der Anfertigung hochpräziser Schmuckstücke liegt, teile ich gerne mit meinen Kunden. So freut es mich immer sehr, wenn ich meine Kunden auch mal hinter die Kulissen blicken lassen darf. Auf Anfrage führe ich unsere Kunden gerne durch unser grosszügiges Atelier und lasse Sie erleben, was traditionelles Handwerk bedeutet und wie viel Ausrüstung und Know-How für die Erstellung einzigartiger Unikate nötig ist. Ich möchte meinen Kunden nicht einfach „nur“ Schmuck verkaufen. Ich möchte meine Kunden am Prozess der Entstehung teilhaben lassen, die Kunden mitentscheiden lassen und mit Ihnen diese Faszination teilen. Schmuck soll Freude machen. Schmuck soll Überbringer einer emotionalen Botschaft sein und den Träger in seiner Einzigartigkeit unterstreichen.


Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Ich freue mich darauf, auch Ihnen einen Teil dieser faszinierenen Welt näher bringen zu dürfen!


Ihre Ramona Matthaei